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Malteser Jugend in München

Polen Fahrt Malteser Jugend Berchtesgadener Land

Orte besuchen, die eigentlich nur aus dem Geschichtsunterricht bekannt sind oder in Dokumenten stöbern, die vor mehr als 70 Jahre entstanden und die man allenfalls von Fotos kennt, das können sechs Jugendliche der Malteser Jugend aus dem Berchtesgadener Land. Zusammen mit ihrem Gruppenleiter Matthias Sandau und Petra Feucht von Malteser SEG Verpflegung und Betreuung machen sich zwei Mädchen und vier Jungen am 10. Juni 2017 auf den Weg nach Oberschlesien im heutigen Polen.

Die Idee zu einer solchen Fahrt trug Matthias Sandau schon lange mit sich herum. "Nur wer Orte selbst gesehen und erkundet hat, kann sich ein Bild von Ereignissen in der Geschichte machen", sagt er. Darum werden die Jugendlichen in Gliwice, Kraków und Oświęcim Orte besuchen, die in der neueren deutschen Geschichte eine Rolle spielen. Auch die Spuren von Oskar Schindler werden sie suchen, der in Kraków eine Emailwarenfabrik erst pachtete, später kaufte und dessen Leben in der Zeit des Nationalsozialismus der Film "Schindler´s Liste" erzählt. Und weil Matthias Sandau selbst seit einigen Jahren in polnischen Archiven auf der Suche nach Spuren und Zeugnissen seiner eigenen Familie ist, können die Jugendlichen auch selbst in der Außenstelle des Staatsarchivs von Katowice in Gliwice geschichtliche Ereignisse aus dieser Zeit recherchieren. Am Beispiel seiner Familie möchte er den Jugendlichen aber auch aufzeigen, was Krieg, Flucht und Vertreibung bedeuten.

Doch auch Land und Leute wollen die Jugendlichen kennen lernen. Darum werden viele der Wege sie abseits großer Touristenrouten führen, wo in kleinen Dorfgasthäusern die schlesische Lebensart noch zu erfahren ist...

Samstag, 10. Juni 2017

 

Endlich ist der große Tag da: Schon lange hatten sich alle Teilnehmer auf die Fahrt gefreut. Mit großer Spannung, aber auch einiger Unsicherheit fieberten sie dem Tag entgegen ...

Bereits um 7.30 Uhr sind die ersten Teilnehmer am Sprinter, der die Gruppe für eine Woche zu ihren Zielen bringen soll, und packen ihr Gepäck in den Stauraum. Um 8.00 Uhr geht es dann los. Vor uns liegt eine Fahrt von rund 700 Kilometern, die uns durch vier Länder führen soll: Deutschland, Österreich, die Tschechische Republik und schließlich Polen.

Stunde um Stunde vergeht - nur unterbrochen durch die regelmäßigen Pausen, in denen man sich ein wenig die Beine vertreten kann -, vorbei an Sehenswürdigkeiten wie dem Kloster Melk oder der Schallaburg, vorbei an landschaftlichen Sehenswürdigkeiten wie dem Mondsee oder der Donau.

Beim Grenzübertritt von Österreich in die Tschechische Republik wird dann schnell deutlich, dass Gebiete der heutigen Tschechische Republik für lange Zeit zu Östereich gehört haben müssen, denn die Strukturen und die Bauweise der alten Gebäude in den Orten unterscheiden sich nicht wirklich von denen, die man bereits in Niederösterreich gesehen hat. Und auf einmal wird allen klar, warum das in der heutigen Tschechischen Republik gelegene Austerlitz so ein guter Platz für eine der größten Schlachten der letzten 250 Jahre ist: Weite Felder boten den rund 160.000 Soldaten der französischen, österreichischen und russischen Armee beste Möglichkeiten für strategische Schachzüge. Und sie erkennen, warum ausgerechnet diese Gebiete immer wieder umkämpft waren, sind doch ihre fruchtbaren Felder die Grundlage für eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln.

Aufregung entsteht unter den Teilnehmern, als sie endlich am Rand der Autobahn Hinweisschilder auf ihr Ziel entdecken können: Gliwice (PL) 58 km. Endlich kann man ein Ende der fast zehn Stunden dauernden Fahrt absehen...

Gegen 18.00 Uhr erreichen dann alle ziemlich erschöpft das Hotel. Zuvor hatte man noch kurz einen Zwischenstopp an einer Wechselstube gemacht, um sich mit Geld in der polnischen Währung Złoty zu versorgen. Da Polen nicht zur europäischen Währungsunion gehört und den Euro (noch) nicht eingeführt hat, müssen alle Einkäufe mit Złoty bezahlt werden.

Nach dem schließlich die Zimmer bezogen und der Sprinter ausgeladen war, treffen sich alle am Abend zum Essen im Restaurant des Hotels. "Was wird wohl in den Speisekarten stehen?" ist die große Frage des Abends. Um so überraschter sind alle, als ihnen Speisekarten gereicht werden, in denen die Speisen nicht nur in polnischer und englischer Sprache, sondern auch in deutscher Sprache präsentiert werden.

Aber gerade das macht die Auswahl nun doppelt schwer. Zur Beruhigung des Leser sei hier aber angeführt: Jeder hat etwas Passendes zum Abendessen gefunden und allen hat es hervorragend geschmeckt ...

Sonntag, 11. Juni 2017

 

Nach der langen Fahrt steht heute erst einmal ein weniger anstrengendes Programm auf dem Tagesplan, denn heute gilt es, die Stadt Gliwice zu erkunden.

Nach dem ausgiebigen Frühstück, das auch ein klein wenig länger dauern durfte, machen sich alle auf, um den berühmten und berüchtigten Sender von Gleiwitz zu besichtigen. Die Geschichte vom Überfall auf den Sender in Gleiwitz, der den Beginn des Krieges mit Polen provoziert haben soll, kennen noch immer viele Menschen. Doch dass „Fake-News“ und „alternative Wahrheiten“ keine Erfindung heutiger Politiker sind, konnten wir im Sender erfahren.

In einem kurzen Dokumentarspielfilm wird der wirkliche Ablauf dieses Überfalls dargestellt:

Danach haben Sicherheitsdienst (SD) und die SS diesen Überfall bis ins kleinste Detail geplant, um den Menschen der damaligen Zeit erklären zu können, dass Deutschland keinen Krieg will, sondern sich nur gegen seine Nachbarn verteidigen muss. Doch so genau dieses Schauspiel geplant war, genau so schlampig war die Ausführung durch die SS. Im Anschluss an den Dokumentarfilm gibt es ausgiebig die Möglichkeit, sich mit der alten Technik des Senders Gleiwitz zu beschäftigen.

1935 erbaut, ist der Sender heute mit seinen 111 m Höhe der höchste Sendeturm aus Lärchenholz. Bis 1962 als Radiosender für den „Sender Freies Europa“ genutzt, sind heute Sender für Telekommunikation oder die Rettungsdienste und die Polizei auf dem Sendeturm installiert.

Im Anschluss an den Besuch des Senders Gleiwitz gibt es dann die Möglichkeit, sich selbst ein wenig im Stadtzentrum einen Eindruck von der Stadt Gliwice zu machen. Dabei erleben alle Teilnehmer eine Stadt, die zwischen alten, baufälligen und schön herausgeputzten und wieder restaurierten Häusern ein breites Spektrum der Baukunst aus fast zwei Jahrhunderten zu bieten hat. Die kleinen Gassen und Straßen rund um den Stadtplatz laden zum Schauen und Verweilen, aber auch zum Shoppen ein, bevor es dann wieder ins Hotel zurück geht.

Montag, 12. Juni 2017

Heute geht es nach Krakow, einer Stadt in Kleinpolen, 120 km östlich von Gliwice.

Krakow war eine der ersten Städte in Polen, die von der deutschen Wehrmacht besetzt wurde und während der Besatzung Sitz des „Generalgouvernements für die besetzten polnischen Gebiete“. In dieser Stadt hat Oskar Schindler 1939 eine Emailwarenfabrik gepachtet und wollte mit Hilfe von Häftlingen aus Konzentrationslagern schnell viel Geld verdienen. Darum führt unser erster Weg in Krakow zu seiner Fabrik, in der sich  heute ein Museum über die Zeit der deutschen Besatzung in Krakow befindet.

Von Ereignissen im Unterricht zu hören ist eine Sache, aber die Dokumente über diese Zeit mit eigenen Augen zu sehen eine andere.

Ungläubig sehen die Teilnehmer der Gruppe Fotos, auf denen lachende SS-Angehörige vor Galgen mit Erhängten stehen, lesen die Verordnungen, die die neuen Machthaber an alle Mauern plakatiert haben lassen, tauchen in die Zeit ein. Mit jedem Schritt wird das Entsetzen über das Geschehen der damaligen Zeit größer, aus den Augen ist die Fassungslosigkeit und das Entsetzen abzulesen.

In einem kleinen, unscheinbaren Büroraum stehen die Jugendlichen dann vor einem kleinen Schreibtisch mit einer Schreibmaschine, an dem Geschichte geschrieben wurde. Hier saßen Itzak Stern und Mieczysław Pemper, Buchhalter bei Oskar Schindler, und tippten auf der Schreibmaschine eben jene Listen, durch die Oskar Schindler heute in Erinnerung ist.

Von der Fabrik Oskar Schindlers geht es dann durch das ehemalige jüdische Ghetto zum Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Plaszow. Das Gelände dieses Konzentrationslagers waren ursprünglich zwei jüdischen Friedhöfe. Hier wütete einst Amon Göth und tyrannisierte die Häftlinge. Seine Villa, die am Rande des Lagergeländes steht, wird derzeit umgebaut und soll wieder als Wohnraum genutzt werden. Heute ist auf dem Gelände nur wenig zu sehen – nach 1945 wurde nichts erhalten, nur einige Ruinen zeugen noch von der einstigen Geschichte.

Es ist schwer für die jungen Menschen zu begreifen, was sich auf diesem riesigen Gelände einst abgespielt haben muss. Mehrere Mahnmale auf dem Gelände geben aber ein Zeugnis von dieser grausamen Zeit.

Einige Bänke stehen auf dem Gelände, aber nur wenige Menschen finden ihren Weg über dieses Gelände. Zum Abschluss unseres Rundgang über das Gelände kommen wir dann zu einem Haus, das früher der jüdischen Beerdigungsbrüderschaft gehörte. Während der Zeit des Konzentrationslagers waren hier die SS untergebracht und folterte Häftlinge. Heute nutzen Forscher, die die Geschichte des Lagergeländes erforschen, dieses Haus.

Von den Eindrücken überwältigt brauchen nach dem Rundgang alle erst einmal eine Pause. Es wird wenig gesprochen, aber alle sind sich einig, dass es gut ist, solche Orte zu besuchen, um die Erinnerung an diese Ereignisse wach zu halten.

Den Abschluss unseres Krakow-Besuchs bildet dann ein Besuch auf dem deutschen Teil des Soldatenfriedhofs. Hier liegen 2750 deutsche Soldaten begraben, die während des 2. Weltkriegs gefallen sind: Brüder, Söhne, Ehemänner, Väter – für die Familien war nach dem Tod nichts mehr wie bisher.

Erschöpft und von den vielen Eindrücken des Tages überwältigt treten wir schließlich den Rückweg nach Gliwice an. Um mehr von der Landschaft zu sehen, lassen wir jedoch die Autobahn Autobahn sein und fahren über die Landstraße und durch viele kleine Ortschaften.

Dienstag, 13. Juni 2017

 

Einziger Programmpunkt unseres heutigen Tages ist ein Besuch in der Außenstelle in Gliwice des Archiwum Państwowe w Katowicach.

Schon auf dem Parkplatz werden wir von Bogusław Małusecki, dem Leiter des Archivs, empfangen. Er führt uns in das Archiv und erklärt uns, wie jeder Besucher – und nicht nur Forscher – das Archiv für ihre Recherchen nutzen kann.

Zusammen mit seiner Kollegin Natalia Kania macht er uns mit den Formalitäten und den Gepflogenheiten der Archivbenutzung vertraut. Beide zeigen uns, wie man zu den Informationen kommt, die man sucht, bevor es schließlich in den Lesesaal des Archivs geht. Hier sind bereits verschiedene Tageszeitungen aus der Region, aber auch zu verschiedenen Ereignissen vorbereitet.

Mit originalen Karten, die während des Krieges in deutschen Schulen verwendet wurden, erklärt uns Bogusław Małusecki den Verlauf des Krieges zwischen Deutschland und Polen, mit dem der 2. Weltkrieg begann. Interessant ist dies auch aus dem Grund, weil er uns mit den Karten, auch zeigen kann, wie Menschen in Polen über den Kriegsverlauf informiert werden.

Aber so richtig interessant wird es, als wir selbst mit den Zeitungen, die im Lesesaal für uns vorbereitet sind, arbeiten dürfen. Vorsichtig blättern wir in den dicken Bänden, in denen die Ausgaben eines halben oder eines ganzen Jahres zusammengebunden sind. Ereignisse wie die Machtergreifung der Nazis, die „Reichskristallnacht“ oder der Überfall auf den Sender in Gleiwitz bekommen durch die Berichterstattung in den Zeitungen auf einmal eine ganz andere Aktualität, werden fast wieder zum Leben erweckt.

Aber auch Hinweise, wie wir vielleicht Informationen zu unseren Vorfahren aus Archiven bekommen können, haben wir erhalten.

Leider bleibt Zeit nicht stehen und so ist die Zeit im Archiv viel zu schnell vergangen. Ehe wir uns versehen hatten, war die Zeit schon wieder um. Vor allem bei Bogusław Małusecki und Natalia Kania möchten wir uns für die vielen unvergesslichen Eindrücke und die neuen Sichtweisen auf geschichtliche Ereignisse bedanken. Die Möglichkeiten, die wir im Archiv in Gliwice geboten bekommen haben, würden wir uns auch für unseren sonstigen Geschichtsunterricht wünschen. Aber leider dauert es manchmal sehr lange, bis solche Wünsche in Erfüllung gehen ...

Mittwoch, 14. Juni 2017

Auch heute steht nur ein einziger Programmpunkt auf unserem Tagesplan: Wir besuchen die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz in Oświęcim und hier nur das Stammlager Auschwitz I.
 
Um uns einen Eindruck von der Größe dieses Lagers machen zu können, beginnen wir unsere Tour an einem Wachturm des Lagers Auschwitz II – Birkenau. So weit das Auge reicht, sieht man nur Baracken und Schornsteine hinter einem Stacheldrahtzaum, der noch bis weit über unsere Köpfe reicht. Ein beklemmendes Gefühl beschleicht uns: Hier hat die SS Häftlinge schikaniert, gefoltert und schließlich ermordet. Langsam fahren wir am Zaun entlang – an einem Zaun, der nicht enden will. Schließlich geht ein Weg offenbar in das Lagergelände hinein. Wir folgen diesem Weg und stehen auf einmal an einem Mahnmal für 8000 ermordete russische Kriegsgefangene. Ihre Asche wurde auf dem Gelände einfach verstreut.
 
Schließlich fahren wir zum Stammlager Auschwitz I. Nur diesen Teil des ehemaligen Konzentrationslagers wollen wir uns heute anschauen. Jedoch darf man von 10.00 Uhr bis 16.00 Uhr nicht allein dieses Lager besichtigen, sondern muss es mit einer geführten Tour machen. Eigentlich haben wir eine deutschsprachige Tour gegen 13.00 Uhr angemeldet, als wir jedoch dafür die Eintrittskarten kaufen wollen, heißt es, dass es derzeit keine deutschsprachigen Führungen durch das Stammlager gibt. Somit müssen wir eine englischsprachige Tour buchen.

Unsere Erfahrungen mit dieser Tour: wir haben einen Guide bekommen, der ganz offensichtlich nur seinen Text auswendig gelernt hat. Unsere Fragen zu den Ereignissen werden nicht beantwortet, man hat den Eindruck, dass diese Fragen bewusst überhört werden. Wir werden förmlich durch das Stammlager geschleust: Vor uns und hinter uns sind bereits andere Gruppen, die ebenfalls das Stammlager besuchen. Zeit, um an einigen Objekten zu verweilen, um sich die genauer anzuschauen: Fehlanzeige. Glücklicherweise können unsere Leiter viele unserer Fragen beantworten, so dass die Führung durch das Stammlager doch gewinnbringend wird.

Aber es bleibt ein zweifelhafter Eindruck von diesem Besuch: Für unsere Gruppe haben wir 300 Złoty Eintritt bezahlen müssen, eine Menge Geld. Die Führung hinterlässt aber den Eindruck, dass wir mit unseren Fragen eigentlich niemanden interessiert haben – wir sind nur Beiwerk für das „Big Business Auschwitz“. Auch die ganzen Abläufe dort passen zu diesem Eindruck: Lange Warteschlangen, Sicherheitskontrollen wie am Flughafen und Führungen, die offensichtlich nur den Zweck haben, möglichst viele Besucher durch die Gedenkstätte zu führen.

Schade!

Doch wir sind schon auf unseren morgigen Besuch in Auschwitz II Birkenau gespannt, den wir ohne einen Guide der Gedenkstätte absolvieren können. Hier werden wir mit Sicherheit mehr Zeit an vielen interessanten Orten im Lagergelände verbringen.

 

Donnerstag, 15. Juni 2017

 

Unser Programm für heute ist der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz II Birkenau in Oświęcim. Zwar hatten wir gestern unseren Besuch der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz an einem Wachturm von Birkenau begonnen, waren aber nicht in das eigentliche Lagergelände gegangen. Das haben wir nun heute gemacht.

Nach einer Fahrt über kleinere Ortschaften erreichen wir gegen Mittag das Tor des Lagers Auschwitz II Birkenau. Wir gehen durch den Eingang hindurch und stehen sofort an der Rampe des Lagers, zu der drei Eisenbahngleise gehören. Hier mussten die Menschen, die in geschlossenen und verschlossenen Güterwagen nach Auschwitz gebracht wurden, aussteigen, ihre mitgebrachten Habseligkeiten abgeben und sich in Reihen aufstellen. SS-Männer entschieden dann, ob sie in die Gaskammern oder ins Lager gehen durften. Die Sachen, die mitgebracht wurden, sammelte dann ein Häftlingskommando ein und brachte sie in eine von dreißig großen Asservatenkammern, wo die Sachen sortiert und für den Rücktransport ins Reich vorbereitet wurden.

An der Rampe gehen wir entlang in Richtung der Krematorien, die rechts und links von den Eisenbahngleisen liegen. Hier wurde den Häftlingen erklärt, sie könnten jetzt nach der langen Reise duschen gehen. Ihre Kleidung sollten sie ordentlich in der Umkleide aufhängen, damit sie sie nachher wieder finden würden. In Wirklichkeit gingen die Menschen jedoch in eine Gaskammer, die wie ein Duschraum aussah, und wurden mit dem Gas Zyklon B getötet.

Häftlinge eines Sonderkommandos, die in den Gaskammern arbeiten mussten, entfernten nach der Vergasung der Menschen Schmuck und Gold, brachen Goldzähne heraus, schoren den Frauen ihre langen Haare und brachten die Menschen in das Krematorium, wo sie in 15 Öfen verbrannt wurden. Dabei wurden in den Öfen oft mit mehr Leichen verbrannt als ursprünglich vorgesehen, weil so viele Menschen vergast wurden. Heute weiß man, dass 90% aller Menschen, die nach Auschwitz Birkenau gebracht wurden, sofort nach ihrer Ankunft ermordet wurden und in keiner Liste zu finden sind.

Im November 1944 wurden die Krematoriumsöfen in Auschwitz Birkenau abgebaut und sollten in ein anderes Konzentrationslager gebracht werden. Kurz vor der Befreiung des Lagers durch Soldaten der Roten Armee im Januar 1945 wurden die letzten noch in Betrieb befindlichen Krematiorien von der SS gesprengt.

Die Vorstellung, dass hier mit System und Plan Hunderttausende von Menschen ermordet wurden, weil sie einen nicht erwünschten Glauben, zu Menschengruppen gehörten, die andere Lebensweisen als die Mehrheit oder eine andere politische Meinung hatten, lässt uns fassungslos werden. Wir können nicht begreifen, warum Menschen so gehandelt haben wie hier in Auschwitz Birkenau. Für uns ist dies der schlimmste Teil unserer Fahrt.

Auf dem Weg von den Krematorien zurück zum Tor gehen wir an den gemauerten Baracken für Frauen und Kinder vorbei. In eine Baracke können wir hineinschauen. Der Gedanke, dass hier auf einer Lagerstelle bis zu 15 Häftlinge liegen mussten, ist für uns unvorstellbar. Die Bilder an der Wand im Eingangsbereich erinnern eher an Bilder in einem Kindergarten oder einer Schule. Hier finden wir sie fehl am Platz. Ganz zum Schluss kommen wir noch an einer Holzbaracke vorbei, in der SS-Ärzte und Krankenschwestern neugeborene Babies und ihre Mütter mit einer Phenol-Spritze ins Herz ermordeten.

Als wir den Lagerbereich verlassen, sind wir im wahrsten Sinne „fertig mit der Welt“. Die Art und Weise, wie hier mit Menschen umgegangen wurde, entsetzt uns, obwohl diese Verbrechen nun schon seit mehr als 70 Jahre vorüber sind. Aber noch immer kann man die Grausamkeiten, die auf diesem Gelände passiert sind, erahnen.

Schweigend fahren wir zurück in unser Hotel...

Freitag, 16. Juni 2017

Unser heutiger Tag ist programmfrei. Nach den doch recht anstrengenden letzten Tagen brauchen wir auch einmal Zeit und Muße, um wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen.

Bis Mittag haben wir unsere Zimmer aufgeräumt und unsere Taschen wieder gepackt. Den Nachmittag verbringen wir in der Stadt, um noch einige Mitbringsel zu besorgen und Eis zu essen.

Uns geht immer wieder durch den Kopf: „Was wird uns von dieser Fahrt bleiben?“

Wir haben das Glück gehabt, über den Fronleichnamstag hier zu sein und erleben zu können, wie tief die Menschen hier in ihrem Glauben verwurzelt sind.


Spurensuche …

Spuren haben wir gefunden. Folterkeller, Mahnmale, Gefängnisse, Vernichtungsstätten... Auf diese Spuren sind wir überall hingewiesen worden. Und auch in unserer Gruppe hat dies Spuren hinterlassen. Wir sind zwar in der dritten Generation, aber selbst wir haben das Gefühl gehabt, noch diese Schuld zu haben und auch zu tragen.

Am Ende des Tages waren wir fast immer auf einem Tiefpunkt. Doch unser Koch im Hotel schaffte es mit seiner Kochkunst jeden Abend, uns wieder aufzurichten.

Viele Menschen, die wir erlebt haben, waren herausgeputzt, aber oft auch rücksichtslos und sehr egoistisch. Das äußere Erscheinungsbild ist hier irgendwie das Wichtigste. Aber genau betrachtet ist die Fassade sehr bröckelig und dünn – es fehlt die persönliche Eigenart. Altes lässt man verfallen und Neues wird viel zu groß. Wir haben dieses Land als zwiegespalten erlebt, als ein Land, das noch nicht weiß, in welche Richtung es weiter gehen soll …

Dabei ist Polen so ein schönes Land: außerhalb der Städte das Gefühl der unendlichen Weite und Ruhe. Viele Pflanzen, die es bei uns in Bayern und Deutschland nur noch sehr selten gibt, haben wir hier in Hülle und Fülle gefunden.

Ob wir wieder kommen würden? Wir wissen es noch nicht … Aber wir wissen gewiss, dass dieses Land mit Sicherheit noch mehr zu bieten hat, als wir in dieser Woche sehen konnten …

Samstag, 17. Juni 2017

Nach einem guten Frühstück geht es endlich wieder nach Hause. Unser Bus ist schnell gepackt, noch ein wenig Proviant für die Fahrt gebunkert, aufgetankt und dann geht es auf die Autobahn.

Anfangs herrscht noch Schweigen im Bus. Doch je weiter wir der Heimat entgegen kommen, umso ausgelassener wird die Stimmung. Plötzlich haben wir auch unseren neunten Mitfahrer wieder an Bord, Schüler Quatsch …

Alle freuen sich wieder auf daheim. Und das gemeinsame Fazit: Wir würden eine solche Reise wieder machen. Am liebsten sofort!

War es richtig, diese Reise zu machen und diese Herausforderung anzunehmen?

Die Angst, uns zu viel zuzumuten, als Gruppe zu versagen, fuhr von Anfang an mit. Aber ja, es war richtig, die Reise zu machen – wir waren ein tolle Gruppe. Die Herausforderung war hoch, aber wir sind alle daran gewachsen, vom Ältesten bis zum Jüngsten.

Darum schließen wir mit einem Dank an alle, die es uns möglich gemacht haben, diese Erfahrungen zu sammeln.

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